26. 10. 2008, 30. Sonntag im Jahreskreis
Mt 22, 34 - 40
 
 
Liebe Gemeinde!
 
„Welches Gebot ist das erste von allen?“
 
Diese Frage wird heute im Evangelium an Jesus gestellt. Wir können uns fragen, ob  das eine Frage ist, die uns heute überhaupt noch interessiert. Kann ich mit dieser Frage etwas anfangen? In der Übersetzung auf die heutige Sprache würde ich vielleicht fragen: Welches Gebot, welcher Auftrag ist für mich wichtig, sogar lebenswichtig?
 
Fragen wir heute noch so? Gibt es das noch als religiöse Frage? Als Frage, die ich an Gott stellen könnte? Was willst du von mir?
 
Wenn wir religiöse Fragen stellen, dann gehen sie wohl meist in die andere Richtung: Was erwarte ich von dir, Gott? Wenn wir uns mit dem Glauben beschäftigen, kommen meist unsere Erwartungen zum Ausdruck. Was bringt es mir, wenn ich glaube? Was bringt mir z.B. der Gottesdienst oder mein religiöses Bemühen? Wenn es mir nichts bringt, lass ich es eben. Die Erwartung an Glauben, Religion, Gott läuft für uns in der Regel eher in der Richtung, dass Gott dafür zu sorgen hat, dass es mir gut geht; zumindest muß es mir der Glaube „bringen“, dass ich mich aufgehoben, geborgen, geliebt fühle, dass also wesentliche Erwartungen von mir erfüllt werden. Man könnte es eine Erwartung an eine „Wellness-Religion“ nennen. Der Glaube ist für mich da!?
 
Die Frage, die der fromme Schriftgelehrte stellt, spricht eine andere Sprache. Welches Gebot ist das erste und wichtigste - auch für mich. Hier wird eine Erwartung geäußert. Es ist gut, wenn wir das ernst nehmen und es uns bewußt machen.
 
Die Antwort Jesu führt uns gleich in eine weitere Schwierigkeit: „Das wichtigste ist: den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen mit ganzer Seele und mit allen deinen Kräften und deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“
 
Wenn wir diese Antwort hören, können wir schnell ratlos werden. Gott lieben - wie soll das gehen? Wir wenden uns dann - bestenfalls - schnell dem zweiten zu: der Nächstenliebe. Das ist sicher kein falscher Schritt, den ein guter und sicherer Weg zu Gott führt über die Nächstenliebe. Und doch nennt Jesus eine andere Reihenfolge und führt als erstes die Gottesliebe auf.
 
Gott lieben - wie geht das?
 
Gott lieben - das ist nicht zunächst ein schönes Gefühl haben. Die Gottesliebe darf nicht verwechselt werden mit der „romantischen Liebe“, wie sie zwischen Mann und Frau erfahrbar ist. Der Weg zur Gottesliebe führt uns in eine lebenslange Schule, in einen Lernprozess, der uns und unseren Blick auf die Welt prägt und verändert.
 
Den Weg zur Gottesliebe gehen wir nur aus einer Haltung der Ehrfurcht, Ehrfurcht vor Gott, vor dem Nächsten und vor der ganzen Schöpfung.
 
Wir können zwei wesentliche Schritte auf dem Weg zur Gottesliebe benennen. Der erste Schritt besteht in dem Bemühen, die Gegenwart Gottes im eigenen Leben wahrzunehmen. Die Gegenwart Gottes finde ich in den ganz alltäglichen Dingen und Erfahrungen meines Lebens. Viele Menschen sehnen sich nach „außerordentlichen“ Erfahrungen, die ihnen die Gegenwart Gottes zweifelsfrei und eindeutig aufweisen würden. Ich hoffe eher, dass Sie solche Erfahrungen gerade nicht machen. Worin sollten die auch bestehen? Dass Ihnen eine imaginäre Stimme besondere Offenbarungen mitteilen würde? Dass Gott selber Ihnen „erscheinen“ würde? Gott umarmt uns mit der Wirklichkeit - gerade mit der  Wirklichkeit, die mir meine Familie, mein Arbeitsalltag, meine psychische Gestimmtheit zeigt. Darin Gott zu suchen, seine Stimme, seine Gegenwart im Alltag meines Lebens wahrzunehmen, ist die Herausforderung des Glaubens. Sie gilt es im Blick auf die Heilige Schrift zu deuten und so mit Gott in meinem konkreten Lebensalltag rechnen.
 
Der erste Schritt zur Gottesliebe besteht in dem Bemühen und in der Bereitschaft, Gottes Gegenwart im eigenen Leben wahrzunehmen.
 
Der zweite Schritt ist, mich selber ehrlich und offen immer wieder unter den Blick Gottes zu stellen mit der Bereitschaft, die Fehlhaltungen in meinem Leben zu erkennen, die der Liebe zu Gott im Wege stehen. Das Evangelium benennt dies als die ständige Bereitschaft zur Umkehr.
 
Diese beiden Schritte: die Bereitschaft, Gottes Gegenwart in meinem Leben zu erkennen und die Bereitschaft, Fehlhaltungen meines Lebens zu erkennen und zu korrigieren führen mich in die Schule der Gottesliebe.
 
Voraussetzungen für einen solchen Weg sind zwei Lebensgrundhaltungen. Zum einen braucht es immer wieder die stille Einkehr in das eigene Innere, nämlich die Bereitschaft, mich im schweigenden Beten Gott zu öffnen und ihn so um die Erkenntnis seiner Gegenwart in meinem Leben zu bitten.
 
Zum anderen braucht es den Blick auf Jesus, der sein eigenes Leben aus Liebe zu Gott zu einem Weg des Gehorsams, des Hörens auf Gott hin machte. Seine Leidenschaft, sein Lebenswillen war es, Gott in seinem eigenen Leben Raum zu geben.
 
Die Gottesliebe in unserem Alltagsleben verwirklicht sich in der Bereitschaft, auf Gott zu hören - in und durch meinen Alltag - und durch die Bereitschaft, zu ihm zu gehören, ihm zu ge-horchen.
 
Wenn ich mich so von Gott führen lasse, mich so von ihm läutern lasse, immer mehr - ohne ihn für meine Eigeninteressen zu gebrauchen (oder sogar richtiger gesagt: ohne ihn zu missbrauchen), wächst das Vertrauen, von Gott geliebt zu sein. Und so wachse ich selber in den Weg der Gottesliebe hinein. Dazu gehört, dass ich bereit bin, mein Leben im Glauben und Vertrauen anzunehmen - auch mit allem Leid, mit aller Dunkelheit, mit allen Zweifeln.
 
„Das wichtigste ist: den Herrn, deinen Gott zu lieben - mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit allen deinen Kräften.“ Eine Gottesliebe dieser Art findet man nicht leicht, sie lebt man nicht „so nebenbei“. Sie fordert uns - „mit allen Kräften“. Aber in ihr ist uns auch die Fülle des Lebens verheißen.
 
Amen
 
Harald Fischer