15. Februar 2004, 6. Sonntag im Jahreskreis
Evangelium: Lk 6,17.20 – 26 


Liebe Gemeinde!

Selig die Reichen! Selig die Erfolgreichen, die Angesehenen!
Seligpreisungen dieser Art kennen wir aus unserem Alltag.

Im Evangelium heute hören wir Aussagen, die diese konkrete Lebenswirklichkeit genau umkehren:
Selig die Armen!
Selig die Hungernden!
Selig die Trauernden!

In diesen Worten sind wir der Originalstimme Jesu sehr nahe. Bei allen Veränderungen, die das Evangelium in der Zeit erlebt haben kann, bis es aufgeschrieben worden ist, sind sich die Bibelforscher einig, dass die Feldrede Jesu, die wir an diesem und am nächsten Sonntag hören, seine Intention und vielleicht sogar seine wörtliche Rede ziemlich genau aufnimmt.
 
Wieso sagt Jesus so etwas? Wieso nennt er etwas wertvoll, wichtig, bedeutsam, was Menschen zunächst ablehnen, wogegen wir uns doch zunächst mit allen Kräften sträuben?
 
Es ist gut, genau auf den Text zu achten. Jesus sagt hier nicht nur ganz allgemein:
 
Selig die Armen. Er sagt sogar: Selig ihr Armen!
 
Er spricht die Jünger an und benennt eine Wirklichkeit ihres Lebens.
 
Man kann wohl sagen, dass er mit diesem Wort eine Realität des Lebens überhaupt aufgreift, einen Teil der Wirklichkeit, wie ihn alle Menschen immer wieder erleben.
 
Und er bringt diese Armut in Verbindung mit Hunger. Dieser Hunger ist umfassend gemeint: Sicher ist der leibliche Hunger angesprochen, aber nicht nur dieser. Es ist nicht anzunehmen, dass die Jünger in diesem Moment unter einem Hunger dieser Art leiden mußten. Hunger ist – wie Armut – ein Grundgefühl des Lebens. Er bezeichnet die Erfahrung, dass im Leben immer wieder etwas offen bleibt. Es gibt den Mangel als Grunderfahrung des Lebens. Es gibt die unerfüllten Wünsche und Sehnsüchte. Und wir hätten es doch so gern anders: rund, fertig, satt.
 
Aber Jesus sagt: Selig ihr Armen! Selig ihr Hungernden!
 
Und er sagt damit gegen den Trend aller Zeiten: Selig seid ihr, wenn ihr die Kraft habt, das, was offen und unvollendet ist, das, was euch auf die Haltung der Sehnsucht und der Erwartung hin ausrichtet, das was euch zu Armen und Hungernden macht, selig seid ihr, wenn ihr das aushaltet!
 
Und er sagt seinen Jüngern noch genauer und deutlicher:
 
Selig, dass ihr die Kraft habt, etwas offen zu halten, den Hunger und die Armut auszuhalten und wahrzunehmen.
 
Diese Offenheit hilft, sich auszurichten. Sie macht deutlich, dass wir angewiesen sind: auf Geschenk, auf eine Gabe, auf die Gnade Gottes.
 
Es ist gut, Armut zu leben, wenn sie so gelebt wird, dass sie eine Offenheit wird, in die hinein etwas geschenkt, in die hinein etwas gegeben werden kann.
 
In diesen Seligpreisungen liegt weiß Gott keine Vertröstung auf ein Jenseits vor, wie diese Sätze durchaus auch immer wieder mißverstanden worden sind. Das Geschenk wird im Hier und Jetzt gegeben, aber es liegt auf einer anderen Ebene, als die fassliche Wirklichkeit, mit der wir in unserem Alltag umgehen. Es ist das Geschenk der Gegenwart Gottes selber, das der erfahren kann, der sich nicht in sich selber abschließt sondern – gerade aus einem Mangel heraus – offen bleibt.
 
Die Weherufe, die sich im Evangelium den Seligpreisungen anschließen, verstärken diese Aussage noch einmal.
 
Hier ist nicht ein moralischer Appell von außen gemeint, der den Menschen unter Druck setzen soll, mit der Angst, dass jemand kommt um ihn bitter zu bestrafen. Vielleicht kann man sie eher so übersetzen:
 
Du tust dir selber weh,
 
wenn du die Erfahrung des Mangels, die zu jedem Leben gehört, nicht siehst.
 
Du tust dir selber weh,
 
wenn du Trauer und Hunger angesichts der Ergänzungsbedürftigkeit des Lebens nicht zuläßt.
 
Die griechische Mythologie kennt eine eigene Geschichte, um diese Wirklichkeit auszudrücken. Der König Midas hat den sehnlichsten Wunsch, dass alles was sein Leib berührt, zu Gold wird. Der Wunsch geht in Erfüllung. Im ersten Moment lebt er in einer rauschhaften Freude, als sich alle Gegenstände in seiner Umgebung tatsächlich in das Edelmetall verwandeln. Aber als sich selbst der Braten, das Obst, der Wein verwandeln, schlägt die Freude in Entsetzen um. Er merkt, dass er sich selbst seine eigene Lebensgrundlage zerstört hat.
 
Wie tröstend und herausfordernd zugleich klingen dagegen die Worte Jesu:
Selig, ihr Armen,
denn euch gehört das Reich Gottes.
Selig, die ihr jetzt hungert,
denn ihr werdet satt werden.
Selig, die ihr jetzt weint,
denn ihr werdet lachen.

Amen.

Harald Fischer