05. Juni 2006, Pfingstmontag 
Lk 10, 21-24
 
 
Von Joseph Beuys, liebe Gemeinde, stammt der oft zitierte und  - wie ich finde - hellsichtige Satz: „Jeder Mensch ist ein Künstler, ob er nun bei der Müllabfuhr ist, Krankenpfleger, Arzt, Ingenieur oder Landwirt.“
 
Dieser Satz irritiert zunächst. Kunst kommt doch von Können. Kann ich denn malen wie Caspar David Friedrich oder modellieren wie Rodin oder singen wie Robbie Williams? Wieso also soll dann jeder ein Künstler sein? Du und ich?
 
Das Evangelium von Pfingsten beantwortet diese Frage. Und zwar ziemlich einfach. Weil wir als Geschöpfe Gottes mit Begabung ausgestattet sind. Um es genau zu sagen: mit Heiligem Geist, also mit etwas Göttlichem. Deshalb können wir was. Längst nicht alles und vielleicht auch viel zu wenig, aber etwas ganz Entscheidendes. Wir können nämlich hören und sehen.
 
Da mögen Sie vielleicht sagen: Naja, o.k., das kann jeder. Das kann wirklich jeder, der nicht blind oder taub ist. Was ist daran Besonderes? - Hören wir noch mal ins Evangelium, was Jesus, „vom Heiligen Geist erfüllt, voll Freude“ ausruft: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.“ - Den Unmündigen: den Gewöhnlichen, dem Durchschnittsbegabten. Jedem. Die Kunst ist, das Offenbarte zu erkennen.
 
Ein Künstler ist, wer die Offenbarung Gottes erkennt. Das hat nichts mit IQ oder Abitur zu tun, mit VIP sein oder hip. Sondern mit Hören und Sehen. Die Offenbarung Gottes, die Botschaft vom Gottesreich ist eine öffentliche Angelegenheit. Nichts Verborgenes. Kein Geheimwissen für Auserwählte. Der Himmel ist kein Platz an der Sonne für Fromme. Bis an die Grenzen der Erde soll die Himmelsbotschaft reichen. Sie richtet sich an alle.
 
„An alle“ heißt aber nicht: an alle gleichermaßen; nach dem Motto: Alle mal herhören! Hier kommt eine wichtige Durchsage. Sondern: Alle meint jeden und jede auf ganz bestimmte Weise. Je unterschiedlich. Dir anders als mir. Einem „Klassisch Kulturorientierten“ anders als einem „jungen Wilden“. Und da beginnt, was aus jedem einen Künstler macht. Einen Lebenskünstler. Denn wer religiös ist, ist ein Lebenskünstler von Gottes Gnaden.
 
Wir tragen alle diesen göttlichen Funken in uns, der uns zu Lebenskünstlern macht. Wir fühlen ihn in uns, finden aber kein greifbares Gegenüber, keinen Gott zum Anfassen, so richtig handfest. Wir verspüren den Drang, unserer Sehnsucht eine Form zu geben, einen sinnlichen Ausdruck. Deshalb sind wir ja hier. In der Gemeinschaft von Christusgläubigen, im Gottesdienst wird hörbar und sichtbar, was sonst womöglich ungehört und unbesehen bliebe. Gott selbst teilt sich uns mit am Tisch des Wortes und der Eucharistie. Und in seinem Geist vermögen wir zu erkennen, was seit Pfingsten ein offenes Geheimnis ist: Gott ist gegenwärtig in uns und allem. Wir sind der heilige und intime Ort, an dem sich Gott ereignen und in die Welt einfließen will. In allem, was lebt, in allem, was einem widerfährt, will das Geheimnis dieser Welt in Erscheinung treten.
 
„Das wahre Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.“ (Oscar Wilde). Oder wie Beuys es formuliert hat: „Das Mysterium findet im Hauptbahnhof statt.“ In aller Welt. Vor aller Augen. Also: „Aufwachen, die Augen öffnen!“ Diese Forderung durchzieht die gesamte Botschaft Jesu. Entgegen der landläufigen Rede vom „blinden Glauben“ besteht Jesus selbst auf Sichtbarkeit und auf gesteigerter Wahrnehmungsbereitschaft: „Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht. Ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und wollten hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört“, heißt es heute im Evangelium.
 
Richtiges Sehen ist offensichtlich ein Kunststück, richtiges Hören offenbar auch. Es darf nicht auf die bloße Oberfläche gerichtet bleiben, auf die Fassade, den schönen Schein. Nur wer genauer hinsieht und hinhört, dringt tiefer vor - zum Wesentlichen. Jesus wollte Menschen mit Augen für das Wesentliche ausstatten, mit Augen für den Anderen, den Nächsten. Das unterscheidet die Jünger von den falschen Propheten und Königen, die mit ihren Wahrnehmungen ganz bei sich bleiben. „Ich sehe was, was du nicht siehst“, könnte man den entscheidenden Wahrnehmungsunterschied nennen. Wo aber die Welt um mich herum und mit ihr mein Nächster in den Blick gerät, verändert mich das selbst. - Wirklich.
 
Diesen Pullover hier (der Gemeinde zeigen) hatte ich vor zwei Monaten ausrangiert. Ich hatte ihn kaum mehr getragen, wollte ihn aber auch nicht einfach wegwerfen oder als Einzelstück in die Altkleidersammlung geben. So hab ich ihn im Kofferraum aufbewahrt, um ihn bei Gelegenheit einem Nichtsesshaften zu schenken. Oder einem von den Vielen, die in Abfalleimern nach Verwertbarem stöbern. Mir tun die immer leid. Und dann hab ich dieses Ding wochenlang durch die Gegend kutschiert - auf der Autobahn gibt’s halt kaum Wohnungslose. Und der herumliegende Pullover fing an zu nerven beim Ein- und Auspacken, bis jetzt die kalten Tage kamen. Da war es doch letzten Dienstagabend so dermaßen kalt, und ich hab mir unterwegs einen abgefroren bei 3° über Null, dass ich dieses alte Schätzchen aus dem Kofferraum geholt hab und mir selbst wiedergeschenkt habe. Als ich mir den Pullover übergezogen hab, der eigentlich gar nicht mehr meiner war, hab ich mich wie so ein Bettler gefühlt. Ich hab gefroren wie ein Bettler. Und ich hab empfunden wie ein Bettler, der keine warmen Klamotten hat. Und ich bin im Grunde dankbar dafür, dass ich für einige Augenblicke ein frierender Bettler sein durfte. Ich hab den Pullover jetzt die ganzen Tage getragen, und ich habe einiges dabei gelernt. Jesus will mich mit Augen für den Anderen ausstatten. Und das Erstaunliche ist: Der Andere, mein Nächster, der Bedürftige ist ein Geschenk Gottes.
 
Ludger Verst, Diakon